Sommerlehrgang 2011 - von Anita Hüll, Stuttgart

Kontakt findet an der Grenze statt - Fritz Perls
Wenn ich bereit bin, ganz an die Grenze zu gehen, an die Grenze meiner Vorstellungen, Überzeugungen und bisherigen Erfahrungen, an die Grenze meiner Fähigkeiten, komme ich dort mit dem Anderen in Kontakt.

In diesem Kontakt bin ich ganz bei mir – und – ganz beim Anderen. Wenn ich in diesem Kontakt an, durch oder mit dem Anderen Erkenntnis gewinne, kann das neu Erfahrene weiter werden. Die Grenze ist dann kein Ende sondern die Bedingung der Möglichkeit.


In diesen Begegnungen werden die eigenen Stärken und ihre Wendepunkte zur Schwäche hin wie auch die Wendepunkte der Schwäche zur Stärke hin bewusst. In dieser Bewusstheit können die Qualitäten der Eigenheiten geübt werden. Die Möglichkeit, im stetigen Fluss des Gestaltkreises von Ich und Du die Parallelität der Wechselwirkung von Innen- und Außenraum immer wieder neu zu erleben, macht für mich den Reiz im Aikido aus. Denn es braucht viel Übung, um seinen Fähigkeiten gerecht zu werden.

Vom 10. – 16. Juli 2011 nahm ich am Sommerlehrgang von Thorsten Schoo Sensei in Hirschegg teil. Ich freute mich für mein persönliches Lernen sehr, dass eines der Schwerpunkte bei diesem Lehrgang das Spüren und Halten der eigenen Achse für den „richtigen“ Kontakt in der Bewegung war; und dass man als Uke während des Trainings bei schönem Wetter und offenem Festzelt, welches uns als Dojo diente, mit einem klaren Blick auf die Berge des Kleinwalsertals in 1300 Höhenmetern belohnt wurde.

Das tägliche Training begann mit den Seishinkai Grundlagen. Nach dem Frühstück folgte das Vormittagstraining mit Jo-Jutsu und Aikido. Nach einer ausgedehnten Pause mit Bergtour-Möglichkeiten wurde am Nachmittag mit Ken-Jutsu und b ein Trainingstag vollendet. Die Atemübungen der Grundlagen wurden dabei in allen Trainingseinheiten des Tages aufgegriffen und angewendet.

In den Atemübungen des Grundlagentrainings wird einerseits bei der Einatmung zwischen passivem Einströmen und aktivem Einholen des Atems und andererseits beim Ausatmen zwischen passivem Ausströmen lassen und aktivem Aussenden des Atems unterschieden. Unter Stress, welcher in einer Kampfsituation herrscht, besteht die Tendenz, zu viel Atem einzuholen und sich damit in der Ausführung einer Bewegung zu Hemmen, statt zu stärken und in Fluss zu kommen. Die bewusste Schulung der verschiedenen Möglichkeiten des Atmens erlaubt es, sich in einer Tätigkeit bewusst auf das Ausatmen zu konzentrieren und das passive Einatmen zu zu lassen – zu vertrauen, dass es geschieht. Die Blockade durch gestauten Atem wird verringert. Es wird „nur“ der notwendige Atem aufgenommen. Dieser kann effektiv genutzt werden, und die Energie steht dadurch zur freien Verfügung. Die Übung dieser Atemweisen berührt tief im Inneren, was zu existentiellen Erfahrungen führen kann. Hier hilft, wie so oft im Aikido, die klare Form, um dran bleiben also üben zu können.


Beim Grundlagentraining während des Lehrgangs war die einfache Anleitung der Übungsfolge die klare Form. Beispielsweise wurde bei leichtem Joggen auf vier Schritte passiv eingeatmet, auf weitere vier Schritte aktiv ausgeatmet und dann auf vier Schritte eine Atempause eingelegt. Diese Atemfolge wurde wiederholt. Jeder konnte diese Übung mit ansteigenden Schrittzahlen für eine Atemfolge im eigenen Rhythmus steigern. So konnte behutsam den körperlichen Erfahrungen begegnet werden, was beispielsweise bei der Atempause ein Erleben von „Atemnot“ sein konnte. Die Atemnot konnte sich mit der Übung des passiven Einatmens zu dem Vertrauen verändern, dass der Körper sich immer die „Nahrung“ holt, die er braucht, auch wenn diese Aktivität nicht bewusst gesteuert wird.

Ich erlebte diese Übungen als eine Erdung, eine Be-Gründung im eigenen Körper; als inneren Boden, der durch die lebendige Beständigkeit der Atembewegung erhalten bleibt. Mit dieser körperlichen „Grundlage“, konnte ich das anschließende Aikidotraining in vertrauensvoller, offener Neugierde vollziehen und mich mit voller Präsenz ins Lernen begeben. Die Atempause während des Aikodotrainings wurde für mich zu einer besonderen Erfahrung.

Wie anfangs erwähnt spielte das Erleben der eigenen Achse eine hervorgehobene Rolle. In den Atemübungen des Grundlagentrainings öffnete sich der untere Bauchraum, die Kraft des Handlungsraums. Gleichzeitig strömte der Atem die Wirbelsäule entlang und öffnete das Bewusstsein für den hinteren, den intuitiven Raum. Das Gefühl für die eigene Achse wurde vom Scheitelpunkt über die Wirbelsäule bis zum Kreuzbein gebildet, der Entscheidungsraum geöffnet.

Im Jo-Jutsu und im Ken-Jutsu begannen wir häufig mit dem „Einnorden“. Das heißt in Tachi Waza führte Tori mit der jeweiligen Waffe langsam einen Shomen Uchi aus und Uke nahm diesen Schnitt über den Scheitelpunkt in sich auf, ließ ihn die Wirbelsäule entlang zum Kreuzbein gleiten und folgte dieser Bewegung mit seinem Körper zu Boden. Die körperliche Bewegung war dabei vollkommen entspannt und der Erhalt der eigenen Achse war durch die Aufnahme der klaren Linie der Waffe bzw. des Schnittes gegeben. Die Empfindung dabei könnte man als fließende Aufrechte beschreiben, die hinab sinkt. Als wäre auf ein Blatt so lange Schnee gefallen, bis sich seine Spitze neigt, und der Schnee entlang der Form des Blattes hinab gleitet.

Die Beweglichkeit der Haltung dieser Achse wurde auch in den Aikidotechniken aufgegriffen. Uke ließ beispielsweise in Tachi Waza bei Nikkyo Ura aus Kata Dori seine Achse durch die seitwärts Bewegung von Toris Eingang verlängern. Verbunden mit dem eigenen Zentrum, ließ sich die Achse Ukes mit dem Neigen des ganzen Körpers von der Senkrechten zunehmend in die Waagerechte bewegen, während der Körper entspannt, also ohne Stress, blieb. Erst als das Gleichgewicht auf einem Bein nach Ausgleich suchte, wurde von Uke in dieser „optimalen Spannung“ seines Körpers versucht, mit einem „effektiven“, vorwärts kreuzenden Schritt den Kontakt zu Toris Zentrum zu verdichten. Die Achse fand sich dabei wieder in ihrer senkrechten Linie ein. Mit der folgenden Bewegung der Technik, die Tori vollzog, um die Kontrolle für das Umgreifen zu erhalten, reagierte Uke darauf wie beim „Einnorden“, in dem er entlang seiner Achse entspannt zu Boden ging.

Um in den Fluss einer Bewegung zu kommen, wurde mit Hilfe der Atmung stetig versucht überflüssige, also blockierende Körperspannung zu lösen. Wenn beispielsweise bei Uke die Spannung in den Schultergelenken bis zur Anspannung stieg, war der Kontakt von diesem Körperteil zum eigenen Zentrum unterbrochen. Mit bewusstem Ausatmen konnte dieser Stau gelöst werden. Das Loslassen der Anspannung war optisch am Sinken der Schulter zu erkennen. Eine „optimale“ Körperspannung war erreicht, wenn es gelang, während einer Bewegung entspannt zu bleiben und gleichzeitig die Bereitschaft und Möglichkeit zur Bewegung zu erhalten. Gemeinsam mit der Wahrung der Integrität der eigenen Achse in jeder dieser Bewegungen, blieb der „richtige“ Kontakt von Uke zu seinem Zentrum und damit zu Tori erhalten. Eine neue Dimension des Zusammenspiels von Uke und Tori während der Übung einer Technik konnte entstehen.

Dieses Zusammenspiel des Kontakts wurde in Verbindung mit den verschiedenen Atemfolgen aus dem Grundlagentraining intensiviert. Die Bewegungen der Techniken wurden beispielsweise dazu genutzt, um bei öffnenden Bewegungen das passive Einatmen und bei schließenden Bewegungen das aktive Ausatmen zu üben. Uke und Tori folgten dabei zunächst dem gleichen Atemrhythmus, was das Halten der Achse in der Beweglichkeit vor allem für Uke erleichterte.

Es wurde auch in der Atempause trainiert. Vor dem Vollzug oder beim Beginn einer Technik wurde dafür leicht passiv eingeatmet, dann aktiv ausgeatmet und in der Atempause die Technik ausgeführt. Atem einholen und auch Atem ausströmen lassen ist mit Intention verbunden. Jede dabei ausgeführte Bewegung ist von dieser Intention eingefärbt. Das Besondere an der Atempause ist, dass der Vollzug der eigenen Handlung absichtslos ist. Sie ist ohne Intention. Beim Vollzug der Technik in einer Atempause fand die Begegnung mit Uke also in einer Art von leerem Raum statt. Diese Leere hatte etwas Gütiges. Sie erlaubte eine wertfreie Begegnung und damit eine neutrale Handlung. Die Handlung konnte genauer ausdifferenziert werden, da die Sicht von keiner Intention „eingefärbt“ war. Es war, als würde man in einem zeitneutralen Raum trainieren. Die Leere gestaltete sich als eine Form der Offenheit. Dieses geistige Erleben vertiefte die körperliche Übung. Es wurde in dieser Art von Gegenwart leicht, sich für eine Handlung zu entscheiden. Es wurde leicht, sie zu vollziehen. Und es wurde leicht, sie zu ändern.

Jeder Moment war Möglichkeit. Die Tragik, dass alles auch anders sein könnte, erhielt darin kein Gewicht und es entstand folglich auch kein vereinzelt herausragendes Gefühl. Die Erfahrung an sich war bedeutsam. Jeder Moment war gut so wie er war. Das Üben in dieser Leere war auch ohne Vergänglichkeit. Es kam keine Not auf, weil der Ehrgeiz des Könnenwollens, der auf ein Ende gerichtet ist, keine Nahrung fand. Die wahrnehmende Differenzierung von und bewusste Entscheidung für eine Handlung bedeutete keine Trennung vom Anderen sondern wurde zur Bedingung für den Kontakt zum Anderen. Die jeweiligen Eigenheiten konnten im integeren Kontakt miteinander einen konkurrenzlosen Zusammenklang finden. Im Raum des Nichts konnte Alles möglich werden. Es war still und lebendig; schöpferisch getragen aus der Lust heraus, Veränderung zu erleben und erlebbar zu machen. Es war im Fluss.